Dr. Ernst Trebin

Allgemeinmedizin - Homöopathie

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Leber und Galle: Natrium sulfuricum

Wie das Sprichwort es beschreibt: er war gelb vor Zorn. Werner K. war schon 8 Jahre in meiner Betreuung, als er 2006, im Alter von 51 Jahren, mit einer richtigen Gelbsucht zu mir kam. Der Skleren-Ikterus war nicht zu übersehen, der Urin dunkel, das Gesamt-Bilirubin 3,15 mg/dl und die Transaminasen bei 200 U/l.

Was war geschehen? Er machte eine Ausbildung für den LKW-Führerschein und der Fahrlehrer hat ihn massiv gestresst. Ich war überrascht, dass sich rein aufgrund von Emotionen solche organischen Reaktionen einstellen konnten. Eine Dosis Chamomilla C200 und die Sache war rasch wieder bereinigt. Die Repertoriumsrubrik Skin yellow after vexation: Cham, kali-c., Nat-s., hat mir den Weg gewiesen (Murphy).

Der Volksmund weiß es ja. Es läuft einem eine Laus über die Leber, die Galle schäumt über. So und anders drücken sich in diesen Sprichworten tiefe Weisheiten aus. Tatsächlich sind Galle und Leber die Organe des Zorns. Viel Kluges hält die chinesische Meridian-Lehre mit ihrem Wissen bereit. So sind die einzelnen Meridiane drei sogenannten Umläufen zugeordnet. Der vordere, ventrale Umlauf betrifft die Atemwege und verweist auf die Zukunft: man „wittert“ Gefahren (Phosphorus). Der hintere, dorsale Umlauf bezieht sich auf die Vergangenheit; die Niere ist für den Kochsalz-Haushalt (Natrium muriaticum) zuständig und speichert alte Verletzungen. Der seitliche oder laterale Umlauf beinhaltet den Leber-Galle Meridian und steht für die Bewältigung der Gegenwart, für den Kampf um die Existenz.

Das Leber-/Galle-System bedient die rechte Körperseite. Wenn ein Patient zu mir kommt mit Schulter-Schmerzen, dann sehe ich häufig bei Betroffenheit der rechten Seite einen Ärger als Auslöser, wohingegen die linke Seite häufig für einen Kummer steht – das emotionale Herz ist hierbei im Spiel. Bekannt ist auch die Ausstrahlung von Störungen der Leber oder der Gallenwege zur rechten Schulter oder an den unteren Winkel des rechten Schulterblattes. Überhaupt empfiehlt es sich, bei Beschwerden der rechten Körperseite an ein Lebermittel zu denken.

Das oben erwähnte Chamomilla ist allgemein in Erwägung zu ziehen bei Beschwerden infolge von Ärgernissen. Ein Spezifikum für Gallenwegsstörungen ist aber Chelidonium welches hier seine spasmolytische Wirkung entfaltet; die Homöopathie hat es sich erhalten, in Substanz als Phytotherapeutikum wurde es allerdings vom Markt genommen wegen vermuteter störender Nebenwirkungen. Mit dem gelben Saft seiner Stengel ist das Schöllkraut ein Klassiker der Signaturenlehre.

Die großen Lebermittel sind jedoch Lycopodium und Natrium sulfuricum. Beide sind sich in ihrem Symptomenbild sehr ähnlich. So finden sich Übereinstimmungen in der Neigung zur Flatulenzbildung, der Verschlimmerung am späten Nachmittag oder am Abend. Eine Kernzeit von Lycopodium ist 16 bis 20 Uhr, während ich aus vielfacher Erfahrung bei einer abendlichen Verschlimmerung gleich welcher Art an ein Schwefelsalz denke, also auch Natrium sulfuricum in Betracht ziehe. Beide führen in den Rubriken bei Gelbsucht oder Hepatitis, speziell auch bei Gallensteinleiden.

Da es zu meiner Arbeitsweise gehört, in chronischen Fällen chemisch unreine, also etwa pflanzliche Arzneimittel in anorganische Salze zu übersetzen, schlage ich in meiner Symptomenauswertung den Bärlapp dem Glaubersalz zu. Da beide Mittel dem sykotischen Miasma zuzurechnen sind, kann ich die „aufgeblähte“ Persönlichkeit von Lycopodium der zugehörigen Nosode Medorrhinum, dem Vertreter der „Hypersykose“ zuordnen, worunter auch die Kompensation eines Mangels durch Übertreibung zu verstehen ist.

Konkret kann ich Lycopodium, besser noch Natrium sulfuricum, gut gebrauchen bei allen Leberstörungen, etwa bei erhöhten Leberwerten im Sinne eines Morbus Meulengracht, sicher auch bei einer chronischen leichten Leberpathologie wie bei einer Hepatitis C; bei Gallensteinen, bei einer Verdauungsinsuffizienz mit Blähungen. Letzteres scheint mir Folge von unzulänglichen Verdauungssekreten zu sein, etwa einer minderwertigen Gallenflüssigkeit, was dazu führt, dass Nahrungsbestandteile im oberen Verdauungstrakt unvollständig aufgespalten und resorbiert werden, dann aber im Dickdarm gasbildenden Bakterien reichlich Nahrung geben. Ein Spezifikum von Natrium sulfuricum ist nicht nur die Gasbildung, sondern sind auch Durchfälle, etwa mit reichlich Luft - spritzt heraus mit viel Gas: Aloe, NAT-S. (Kent). Und um noch einmal auf die Schulter zu kommen: unter Schmerzen der Schulter rechts findet sich unter anderem Lycopodium; hierbei fahre ich aber schon seit langem besser mit Natrium sulfuricum. Nebenbei: Natrium phosphoricum, ein weiteres Antisykotikum (laut Kelvin B. Knerr), kann in selteneren Fällen auch diese Rolle übernehmen.

Darüber hinaus hat dieses Salz natürlich einige Aspekte mehr: die Depression mit Selbstmordgedanken, das Asthma mit exspiratorischem Stridor, besonders bei Kindern, schlimmer bei feuchter Luft; überhaupt die ganzen Allergien (Nummer 1 bei Pollinose); die Lactose-Intoleranz, Kopfschmerzen mit dem warmen Wetter (Murphy), Beschwerden infolge Kopfverletzungen, Lichtscheu bei Kopfschmerzen. Dem Charakter kann man hohe Verantwortlichkeit und ein Harmoniebedürfnis zuschreiben. Auch bei der Neurodermitis hilft es mir entschieden mehr als der reine Schwefel; ich finde zu dieser großen Arznei nicht selten auch über das Kombinieren von Natrium muriaticum bzw. carbonicum mit Sulfur.

Vor einiger Zeit berichtete mir eine Patientin telefonisch - sie lebt weiter entfernt - von einer merkwürdigen Verfärbung der Haut im rechten Oberbauchbereich. So wie sie mir dieses Phänomen erklärte, hatte dieser breite Fleck nicht nur die Form der Leber, sondern saß genau über diesem Organ, wie ein Schatten. Mein Schluss war, dass sich die Leber gewissermaßen auf die darüberliegende Haut projizierte, so etwa wie wir die Projektion kranker innerer Organe auf den Bewegungsapparat kennen. Ich ging also von einer leidenden Leber aus und gab ihr Natrium sulfuricum. Das Phänomen verschwand und mit einem späteren Rückfall geschah das Gleiche.

Lange habe ich nach einer Erklärung gesucht für die Entstehung von Varizen; ich vermutete schon länger einen Stau im Beckenbereich. Ein Vortrag von Dr. Anke Scheer aus Nürnberg, die unter anderem auch Aspekte der Osteopathie ins Spiel brachte, führte mich zu einer Erklärung: der Stau liegt in der Pfortader bzw. ist Folge einer gestörten Leberfunktion! Ich kann es mir nur so erklären, dass dadurch der Blutrückfluss aus dem Darm, der ja durch die Leber geht, gebremst ist und im Bauch- und Beckenbereich eine Blutfülle erzeugt, welche auch den Blutrückfluss aus den Beinen behindert, die Venenklappen insuffizient werden lässt und Varizen hervorbringt. Auch die Ausbildung von Hämorrhoiden kann damit erklärt werden wie auch eventuell die Gebärmuttersenkung bei Frauen (folgt gut auf Sepia). Natrium sulfuricum ist für mich mittlerweile das Hauptmittel für Varizen und darüber hinaus sogar meines Erachtens eine bewährte Indikation bei einer Neigung zu tiefen Beinvenenthrombosen. Gegeben über längere Zeit konnte ich damit Einiges erreichen.

Mit dieser Arbeit setze ich meine Hinweise darauf fort, dass sich unsere homöopathische Mittelfindung zu nicht geringem Teil auf physiologische Grundlagen stützen kann. Damit greife ich auch auf Wilhelm Schüßler (Heinrich Wilhelm Schüßler: Arzt aus Leidenschaft) und die wissenschaftliche Auffassung seiner Zeit zurück, dass mineralische Arzneien, in Substanz oder potenziert, wirksame Heilmittel sein können. Und es bestätigt sich auch der von mir häufig zitierte Satz JC Burnetts:

Wenn die Homöopathie einmal ihre Säuglingswindeln ablegt, dann werden die subjektiven Symptome für die höhere Homöopathie das sein, was das Buchstabieren für das Lesen ist.

In diese Richtung zielten schon meine früheren Aufsätze wie Die Kopflastigkeit der Kali-Salze oder Chronische Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparates, Rheuma als Präkanzerose, Degenerative Erkrankungen der Hornhaut des Auges, Musikerkrankheiten, Stau im Becken etc., die veröffentlicht wurden in der Allgemeinen Homöopathische Zeitung oder in der Homöopathie-Zeitschrift und archiviert zu finden sind auch auf meiner Website.

Allerdings sind in chronischen Fällen meines Erachtens drei Ebenen zu bedienen:

  • Mineralische Arzneien als die Basis bzw. das Rückgrat der konstitutionellen Behandlung.
  • Nosoden, um den genetischen, im Falle von Carcinosinum ggfs. auch den biografischen Hintergrund zu beantworten.
  • Kleine Mittel, um Kausalitäten zu lösen; oder auch im Hahnemannschen Sinne der „einseitigen Krankheiten“ bestimmte Zustände zu bereinigen, etwa organotrop als Tumormittel oder psychotrop zur Befriedung einer bestimmten Stimmungslage. Das können pflanzliche, animalische oder metallische Arzneien sein, aber auch einzelne mineralische Elemente oder einzelne Salze (Mein Umgang mit den Calcium-Salzen).

Mit der richtigen Sensibilität für deren jeweilige Indikation können große Heilungen gelingen.

Bamberg, im Januar 2024

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