Die Entwicklung meiner Arbeitsweise hat so manchen eigenartigen Weg genommen. Auf alte Erkenntnisse stützt sich mein Einsatz mineralischer Arzneien in der Behandlung chronischer Krankheiten. Diese hat zum Ziel, nicht gerade nur ein paar auffallende Symptome zu beseitigen, sondern die innere Ordnung eines Menschen wiederherzustellen, seine Konstitution zu sanieren, ihn von seinen Krankheitsveranlagungen zu befreien. Es bedarf keiner weiteren Begründung, dass dies ein langer Weg sein kann, bis unser Patient heil geworden ist.
Der Einsatz von Salzen, oft durch Kombinieren gefunden, wird verständlich, wenn wir uns damit der Mischung miasmatischer Belastungen entgegenstellen, deren Verkomplizierung die Basis mehr oder weniger schwerer Krankheiten darstellt. Die Nosoden der fünf chronisch-hereditären Miasmen, von denen wohl jeder in individuell unterschiedlichem Ausmaß betroffen ist, helfen uns dabei. In Verlegenheit bringt mich allerdings die Rechtfertigung der von mir praktizierten Dualität von Natrium- und Kalium-Salzen. Was mir im therapeutischen Alltag mittlerweile unverzichtbar ist, hierfür stieß ich zuletzt auf einige theoretische Erklärungen.
So wiederhole ich hier eine interessante Aussage der Anthroposophie in Johannes Wilkens‘ Beitrag zur Heilkraft der Pfingstrose. Er schreibt: „Nach Rudolfs Steiners Forschungen liegt im Menschen eine Spannung zwischen einer unsichtbaren stark seelisch geprägten Nierenstrahlung und einer vom Kopf ausgehenden Kraft vor. Beide müssen sich konstruktiv miteinander verbinden, aus dieser Verbindung werden die Organe des menschlichen Körpers geformt, Wenn in diesem Verhältnis zwischen Kopf- und Nierenstrahlung eine Störung auftritt, besonders aber die Nierenstrahlung sich abschwächt und die Kopftätigkeit überwiegt, entstehen, so Steiner, geschwulstartige Bildungen.“
Ist das nicht frappierend übereinstimmend mit diesem merkwürdigen Postulat, dass jeder Mensch sowohl ein Kali- wie auch ein Natrium-Salz braucht? Über die Kopflastigkeit der Kali-Salze habe ich schon geschrieben, und ebenso, dass Natrium-Salze einen strengen Bezug zur Niere haben. Kopf = ratio, Niere = emotio! Wenn die Emotionen nicht richtig verarbeitet werden qua Unterdrückung und die Verdrängung durch Kontrolle und Vernunft überwiegt, dann kann es auch nach dem Verständnis anderer Heilweisen zum Tumorwachstum kommen: Tumore sind gefrorene Gefühle, sagt die fernöstliche Medizin. Kali-Salze sind für mich der Schlüssel zum Tresor, in dem die ausgeblendeten Gefühle und Traumata eingelagert sind; wohingegen die Natrium-Salze helfen, die sukzessive freigelegten schmerzhaften Erfahrungen zu verarbeiten und das Erlebte zu verzeihen.
Eine bildhafte Darstellung von Steiners Vorstellungen fand ich auf dem Internationalen Köthener Erfahrungskongress (ICE 25), als ich Klaus von Ammon, einen Schweizer Homöopathen, über die Kirlian-Fotografie referieren hörte. Bei diesem Verfahren wird, wenn ich richtig informiert bin, der Proband einer schwachen Stromspannung ausgesetzt und dann die Photonen-Ausstrahlung etwa seiner Hände fotografisch erfasst. So bildet sich ein Art Aura ab. In einer Ganzkörper-Auswertung fiel mir eine kräftigere Strahlung auf im Bereich der Stirn und im Rücken. Nun ist doch das Frontalhirn der Ort der Emotionskontrolle (Kalium!) und die Niere der Hort eingelagerter Gefühle (Natrium!). Genau das passt zu dem visionären Postulat Rudolf Steiners, dessen Anthroposophie ja der Aura viel Platz einräumt, was mir nun diese symbolhafte Darstellung durch diese Kirlian-Fotografie bestätigt und meinen Vorstellungen Nahrung gibt (auch wenn, wie Klaus von Ammon schreibt, die konkrete Auswertung mittels dieses Verfahrens meine Postulate nicht unmittelbar bestätigen kann).
Aber ein weiterer Fund stützt meine Thesen: Julius Mezger beschreibt in seiner Gesichteten homöopathischen Arzneimittellehre im Kapitel über Kalium carbonicum sehr gründlich die Funktion des Elementes Kalium, u.a. für die neuromuskuläre Erregbarkeit. Daraus ein paar Auszüge:
Es „besteht zu dem derselben Gruppe des periodischen Systems angehörigen Natrium eine Wechselwirkung, worin die funktionelle Bedeutung des Kaliums zum großen Teil bestimmt wird“.
„Im gesunden Organismus halten sich Kalium und Natrium das Gleichgewicht; jedes der beiden Elemente wirkt ohne das Vorhandensein des anderen giftig.“
„Während Natrium sich vor allem in den Säften (im Serum) findet, ist Kalium vor allem intrazellulär vorhanden… Durch das hohe Konzentrationsgefälle des Kaliums vom intrazellulären zum extrazellulären Raum und des Natriums in umgekehrter Richtung entsteht an der Zellmembran ein Potential: das elektrische Ruhepotenzial.“
Dieses Membranpotential ist meines Erachtens eine wesentliche Grundlage für alle Funktionen des lebenden Organismus. Missverhältnisse in diesem Zusammenspiel dürften zu Störungen und Krankheit führen, womit sich begründen mag, dass eine Harmonisierung durch unsere dynamisierten Salze Balance und Gesundheit wiederherstellen können. Die Dualität meiner Therapie beantwortet möglicherweise diese fundamentalen Elemente des Lebens.
Auch wenn diese Betrachtungen nur spekulative Begründungen für meine befremdliche These des dualen Weges abgeben, so fühle ich mich doch ein wenig bestärkt in meinen Vorstellungen. Aber „entscheidend ist, was hinten rauskommt“, soll Helmut Kohl gesagt haben. Und so fehlt es nicht an praktischen Erfahrungen:
Eine junge Künstlerin wurde mir anvertraut mit gar nicht so geringen Problemen. Häufig wiederkehrende Blasen- und Scheidenentzündungen plagten sie seit dem Alter von 17 Jahren sowie ein Lichen sclerosus, eine zu Vernarbungen führende chronische Entzündung des äußeren Genitales. Ihre Probleme begannen mit Einnahme der Verhütungspille, vermutlich mit dem Beginn sexueller Beziehungen.
Nach meiner Interpretation lag nicht ein Desinteresse an Nähe und Intimität vor, sondern das was ein Patient „Selbstverbot“ nannte, eine Verneinung des Rechts auf Glück und Zufriedenheit. Und woher mag dieses Konstrukt wohl gekommen sein? Darauf angesprochen, räumte sie ein, dass sie sich, vermutlich nicht erst im Heranwachsenden-Alter, von ihrer Mutter abgelehnt fühlte sowie unter einer Bevorzugung der nachkommenden jüngeren Schwester litt. Zart wie sie ist, war sie als einzige unter den 6 Geschwistern von häufigen Atemwegsinfekten und Tonsillitiden betroffen.
Wenn sich auf diesem Weg das karzinogene Miasma breitgemacht hat, das Miasma des Nicht-Angenommenseins, des Schattenkindes, so kann man verstehen, warum ihr Körper des Lebens Genuss und Freude durch somatische Störungen blockierte. Ihre feine Wesensart und Struktur, die mir Silicea nahelegten (was auch durch weitere konstitutionelle Merkmale bestätigt wurde), und die Gefühlskontrolle, welche von Kalium-Salzen vertreten wird (die für Dissoziation und Verdrängung stehen), führten mich letztendlich zu Kalium silicicum.
Das parallel eingesetzte Natrium sulfuricum zeigte sich erst indiziert durch eine im Verlauf der Behandlung mit dem Kali-Salz eingetretene weinerlich-depressive Stimmungslage – siehe oben: Kalium öffnet, Natrium versöhnt! Und schließlich repräsentiert Natrium sulfuricum als klassisches Antisykotikum die Zielorgane ihres Lebensdramas – vermutlich genetisch vorbestimmt –, nämlich den Urogenitalbereich. Dies ist eine sehr feine Logik, die sich auf das Wissen um die Miasmen stützt, in diesem Fall auf Karzinogenie und Sykose.
Die Heil-bringenden Mittel wurden in diesem Falle allerdings nicht ohne Umwege gefunden, die Kombinationen mussten erst erarbeitet werden, denn es ist nicht selbstverständlich, von vorneherein die richtige Mittelwahl zu treffen. Oft genug müssen auch bei gut begründeter Ausgangslage der Grundelemente im Zuge der dynamischen Begleitung Änderungen vorgenommen werden.
Das pure Kombinieren birgt die Gefahr der falschen Wahl; leichter tut man sich, wenn Keynotes dieser Salze vorliegen, etwa weil eine Hyperthyreose zwingend Kalium jodatum einfordert; dann geht es einfacher, das parallele Natrium-Salz zu finden. Oder es findet sich eine hohe Dominanz von Natrium sulfuricum, vielleicht sogar in Form des ihm von mir zugeordneten Lycopodiums; dann gilt es nur noch, das parallele Kalium-Salz zu finden. Und dann ist immer noch die Frage, ob das ein Phosphor-, Silicea- oder Arsen-Präparat ist. Nicht immer reicht die Grundanamnese für die nötige Sicherheit.
Manches kann ich nicht anderes lösen als über das schlichte Ausprobieren. Ich arbeite aber an Strukturen, oben schon angedeutet, die verlässlichere Entscheidungen ermöglichen könnten, etwa durch eine Erweiterung der Arzneimittelbilder, speziell der Keynotes. Dazu mehr in den nächsten Berichten.
Im Januar 2026