Anlässlich eines kleinen Kongresses in München im Frühjahr 2026 zitierte Carl Rudolf Klinkenberg aus Esslingen den bedeutenden Biografen Hahnemanns R. Haehl, mit folgender Aussage*:
„Hahnemann sagte, bei der Homöopathie müsste auch das Gemüt mitarbeiten. Herzlose Menschen mit noch so viel Geist leisten wenig.“
Diese Worte kamen mir gerade recht, da ich schon im Begriff war, meine Gedanken über die Seelenlosigkeit unserer gegenwärtigen Welt- und Gesellschaftspolitik zu formulieren. Wie kann man den Tod zehntausender Soldaten und unzähliger ziviler Opfer strategisch einplanen, um seinem Imperialismus zu frönen, sich fremde Länder und Rohstoffe anzueignen? Wir kann man sich als Politiker so korrumpieren lassen, wie wir das gegenwärtig erleben, ohne persönliche Rührung und Skrupel. Wie kann man mit einem Rest von Gewissen sich mittels der Rüstungsindustrie bereichern? Goldene Wasserhähne einbauen mit Hilfsgeldern für ausgebombte Städte? Man glaubt fast, satanische Kräfte zu sehen in der Art, wie hochrangige Politiker unser Land und unsere Freiheit verkaufen. Niemand hat ernsthaft Interesse an einem Frieden oder einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern der Asylsuchenden, um der Not abzuhelfen; lieber lässt man sie im Meer ertrinken.
Es liegt aber auch eine Aggressivität in der Luft, die ganz im Gegensatz steht zum christlichen Prinzip des friedlichen Miteinanders, und sie durchdringt alle Bereiche unseres Daseins. Ein Digitalisierungswahn kontrolliert und separiert die Menschen, Autos haben keine Andeutung mehr eines menschlichen Antlitzes wie einst ein VW-Käfer mit seinen Augen und seiner Nase. Panzerartige SUVs verunsichern unsere Straßen mit schlitzartigen Schießscharten als Lichter und hässlichen Nüstern als Kühlergrill, die mit ihrer matten Lackierung und ihren schwarzen Rädern alles andere als freundlich daherkommen – banale Beobachtungen gewiss, aber doch repräsentativ für die dunklen Tendenzen des Zeitgeistes.
In der Medizin ist eine gewinnorientierte Manipulation an der Tagesordnung, unsere werbefinanzierten Fachzeitschriften plappern alles nach, was der Pharmaindustrie Geld bringt, viele Arztpraxen sind mittlerweile im Besitz von Kapitalgesellschaften mit entsprechenden Erwartungen an den Umsatz. Wie viele Kollegen, die noch guten Willens sind, vermissen in unserem Medizinsystem die Wertschätzung einer humanen, zuwendungsorientierten ärztlichen Tätigkeit! Ja, die Würde des Patienten wird noch weiter demontiert, indem die Hebammen, die Psychotherapeuten und auch die Homöopathen zur Ader gelassen werden.
Wir stehen unter der Herrschaft seelenloser Kapitalgeber, die wie im Märchen von Wilhelm Hauff um der Bereicherung willen ihr Herz gegen einen Stein ausgetauscht haben. Ich habe mich gefragt: sind das noch Menschen oder bereits transhumane Wesen? Und als Arzt und Homöopath habe ich mich gefragt: könnte man diese überhaupt mit unseren Mittel behandeln?
Welches Arzneimittelbild würde denn derartige Strukturen abdecken? Im Synthetischen Repertorium fand ich die Rubriken Gier/Mangel an moralischem Empfinden/unbarmherzig-skrupellos/gefühllos-kaltherzig/grausam-unmenschlich.
Aurum wäre ein Gedanke, aber damit assoziiere ich immer noch ein großes Verantwortungsgefühl. Kalium? Ist zwar vordergründig gefühlsarm, aber eher nicht herrschsüchtig, sondern unterordnungsbereit. Sulfur hat seinen Eigensinn, dürfte aber nicht so destruktiv sein. Medorrhinum lebt zwar expansiv, kennt aber noch leidenschaftliche Gefühle. Was aber durch alle diese Rubriken geht, ist Arsenicum album. Es hat meines Erachtens am ehesten das I, me, mine, das die Beatles besungen haben, also das Ich, meiner, mir, mich, eine oft ausgeprägte Selbstbezogenheit.
Wenn ich oben von schwarzen Autorädern sprach: Schwarz ist eine häufige Begleiterscheinung des Arsenbildes, schwarz verfärbte Fingernägel etwa oder Träume von schwarzem Wasser; in einigen Fälle wurde ich dadurch auf das Mittel aufmerksam.
Ich bin gerade dabei, diesem Halbmetall, das ich der Syphilinie zuschreibe mit spezieller Zuständigkeit für die Organe des mittleren Keimblattes, noch einigen Nutzen abzugewinnen. Die Indikation dafür ist keineswegs leicht zu finden, oft komme ich erst nach einer längeren Patientenbegleitung darauf; so scheint mir sein Wirkspektrum wesentlich breiter aufgestellt, als man gemeinhin denkt. Und gottlob sind die meisten Menschen dieser Prägung weit humaner als man fürchten möchte.
Es ist vor allem eine bestimmte Schicht von Strippenziehern und Entscheidungsträgern, weit oben und abgehoben von unseren Äckern.
Bamberg, im Juli 2026
Quelle: Haehl R., Deutsche Zeitschrift für Homöopathie Jg. 1922, Heft 8, S. 337-345